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Martin Lichtfuss - Komponist und Dirigent Martin Lichtfuss - composer and conductor Martin Lichtfuss - compositeur et chef d'orchestre


Zur Rentabilität von kulturellen Einrichtungen [ 2004 ]


Die Frage nach der Wertigkeit eines Unternehmens spielt in der Wirtschaft eine entscheidende Rolle, und ein stimmiges Verhältnis zwischen Geben und Nehmen (im Fachjargon: Input und Output) stellt eine Schlüsselqualifikation, wenn nicht sogar die entscheidende Voraussetzung für die Daseinsberechtigung eines Betriebes dar.

Für die Beurteilung der Wertigkeit bietet sich aus ökonomischer Sicht das Mittel des Geldes an: Es stellt in der Marktwirtschaft den Maßstab schlechthin für Wert und Wertigkeit dar, und die Produktionskette von Investition — Verarbeitung — Ertrag lässt sich durch die Evaluierung von Zahlen und Fakten durch keine andere Kategorie so objektiv messen wie durch jene des Geldes.

Geld: Maßstab

für Wert und

Wertigkeit



Für ein Unternehmen, das in gesellschaftlicher Verantwortung agiert und sich als Teil eines größeren Ganzen versteht, hat der Grundsatz zu gelten: »Wir nehmen nicht mehr, als wir geben«, oder anders ausgedrückt: »Wir geben nicht weniger, als wir nehmen.« Will ein Unternehmen nachhaltig erfolgreich sein, muss von Anfang an auf eine harmonische Relation von eingesetztem Kapital und zu erwartendem Ertrag geachtet werden. Wo dies nicht geschieht, kommt es früher oder später zum Crash — schlimmstenfalls in Form von Schließung eines Betriebes bzw. durch Konkurse. Um derartigen Entwicklungen möglichst vorzubeugen bzw. um diese zu verhindern, haben sich im Rahmen unserer gesellschaftlichen Ordnung gewisse Schutzmechanismen ausgeprägt, welche ein allzu großes Ungleichgewicht zwischen Nehmens-Verhalten und Gebens-Vermögen verhindern sollen — von bestimmten Rahmenbedingungen für Investitionszusagen bis hin zu Kreditbestimmungen beim Aufbau von Betrieben. Die wirtschaftliche Realität zeugt davon, dass dies leider nicht immer gelingt.

Wir nehmen nicht

mehr, als wir geben


Im Streben nach Einklang zwischen den beanspruchten Ressourcen und der wirtschaftlichen Leistung eines Betriebes kann sich das Augenmerk schwerpunktmäßig auf beide Stationen in der Produktionskette richten. Die Suche nach billigen Grundstoffen und/oder Arbeitskräften, gepaart mit einer mehr oder weniger starken Kompromissbereitschaft hinsichtlich der Qualität der Endprodukte etwa zielt darauf ab, diese möglichst preisgünstig und damit konkurrenzfähig zu positionieren, während sich der Einsatz »teurerer« Produktionsmechanismen durch den Hinweis auf ein angemessenes »Preis-Leistungsverhältnis« rechtfertigen lässt, namentlich dann, wenn ein Betrieb mit seinen Produkten eine herausragende Spitzenqualität anstrebt, die ihrerseits unter Umständen sogar »konkurrenzlos« sein könnte. Das gegenwärtige gesellschaftliche und marktwirtschaftliche Umfeld lässt eine zunehmende Polarisierung erwarten, sodass sich zumindest kurz- und mittelfristig die beiden extremen Unternehmensprofile — billige Massenware und höchstqualifizierte Spezialprodukte — eher durchsetzen dürften als ein in Bezug auf das eingesetzte Kapital durchschnittliches »Mittelfeld«, auch dann, wenn das Verhältnis von In- und Output »nur« ausgeglichen bleibt.

Billige Massenware

und höchstqualifizierte Spezialprodukte


Mit dem Blick auf Bildungseinrichtungen und kulturelle Institutionen muss vorab jedoch betont werden, dass dort weitgehend andere Rahmenbedingungen und Voraussetzungen vorliegen als in der freien Wirtschaft. Zwar weisen etwa Schulen, Theater oder Orchester ebenso wie Fabriken die Charakteristik von Betrieben auf, und auch in ihren Fällen steht der Einsatz beträchtlicher Mittel im Dienste der Erzeugung bestimmter »Endprodukte«. Diese aber sind — wenn überhaupt — nur äußerst bedingt miteinander vergleichbar. Eine Evaluierung der jeweiligen Produktionsmechanismen von Kultur und freier Wirtschaft mit dem Blick auf beide Bereiche erscheint zwar reizvoll und ist durchaus erhellend, darf aber nicht zu kurzschlussartigen Übertragungen führen und Folgerungen für die eine Seite aus Erkenntnissen der anderen ableiten.

Evaluierung der

Produktion von Kulktur


Der fundamentale Unterschied ergibt sich allein dadurch, dass im Bildungs- und Kulturbetrieb die Endergebnisse als »Produkte« in ungleich höherem Maße der subjektiven Wahrnehmung ihrer »Konsumenten« unterworfen und daher nicht wie jene eines Wirtschaftsbetriebes messbar sind. Das wird zwar immer wieder versucht, etwa, indem man aus Besucherquoten oder Einspielergebnissen bzw. dem Anteil der Eigendeckung kultureller Manifestationen Schlüsse zieht. Kann sich eine Theaterproduktion etwa im brancheninternen Vergleich behaupten oder gar Besucherzuwächse verzeichnen, werden sich Argumente gegen das Unternehmen schwerer durchsetzen lassen als in gegenteiligen Fall. Bei mangelndem Besucherinteresse hingegen wird als Rechtfertigungsgrund zumeist auf den Bildungsauftrag der Institution verwiesen, dem ein Massenpublikum als Zielgruppe entgegenstünde, und ebenso der Anspruch von Minderheiten auf entsprechende »Unterhaltung« bzw. Auseinandersetzung ins Treffen geführt. Das kann soweit gehen, dass eine große Breitenwirkung kultureller Projekte als Indiz für die Anbiederung an einen »billigen Massengeschmack« verstanden bzw. unterstellt wird.

Produkte nicht

messbar


Der Rückzug der sog. Hochkultur auf kleine Zielgruppen hat Tradition: So hat sich Alban Berg, immerhin der bedeutendste Musikdramatiker des 20. Jahrhunderts, bereits 1924 die ernsthafte Frage gestellt, was er denn angesichts der Breitenwirkung seines Wozzeck »falsch gemacht« habe(!). Anm. 1) Wenn es in erster Linie um die kompromisslose Formulierung künstlerischer Botschaften und Qualitäten geht, geraten die AdressatInnen mitunter schon aus der Zielrichtung. Das kann bis hin zur Missachtung des Publikums gehen: A. Schönbergs sarkastische Abrechnung mit der Masse der Konzertbesucher, deren Präsenz allein »aus akustischen Gründen unentbehrlich ist, weil’s im leeren Saal nicht klingt Anm. 2), war ebenso verhängnisvoll wie zukunftsweisend Anm. 3); dass sie dies auf lange Sicht auch weiterhin bleiben wird, darf bezweifelt werden. — Im Umkehrschluss der Missachtung kultureller Massenveranstaltungen bietet sich für (gemessen am Publikumszuspruch) mäßig erfolgreiche Künstler der Verweis auf die elitäre Charakteristik ihrer Projekte als Rechtfertigung quasi von selbst an und macht sie so auf bequeme Weise unangreifbar. Spätestens hier ist Kulturpolitik gefordert.

Kompromisslose

Formulierung

künstlerischer

Botschaften


Abseits der Frage, ob ein künstlerisches Unternehmen als gelungen einzuschätzen ist oder nicht, steht fest, dass bei kulturellen Projekten nur in seltensten Fällen eine finanzielle Eigendeckung vorauszusetzen ist, sofern man nicht von Verhältnissen ausgeht, wie sie etwa in den USA herrschen. Das dort längst etablierte Sponsoring als Grundvoraussetzung für Kulturveranstaltungen fußt auf einer langjährigen Tradition und spiegelt ein zu zentraleuropäischen Verhältnissen deutlich unterschiedliches Gesellschaftssystem wider. Dem Vorteil, dass geistige Auseinandersetzung im Allgemeinen und kulturelle Manifestationen im Besonderen den Staatshaushalt weniger belasten, steht der nicht zu leugnende Nachteil einer geringeren Breitenwirkung entgegen. Anm. 4)

Dies schlägt sich zwar nicht unmittelbar in den Spitzenleistungen der Bereiche von Bildungs- und Kultureinrichtungen nieder; ein diesbezüglicher Vergleich zwischen Europa und den USA ginge sicher nicht zu Lasten der »Neuen Welt« aus — im Gegenteil: Die Spitzenforschung als Voraussetzung für wirtschaftlichen Erfolg wurde in Amerika längst vor Europa erkannt und gefördert.

Was aber die gesellschaftlichen Auswirkungen geistiger und kultureller Initiativen betrifft, darf man Zentraleuropa getrost Überlegenheit zusprechen: Die Charakteristik amerikanischer Wahlkämpfe (ganz zu schweigen von deren Ausgang) und die Ergebnisse der sog. PISA-Studie sprechen für sich. Auch wenn diese Behauptung kühn scheint: Die unterschiedliche Einschätzung des Irak-Kriegs durch die Öffentlichkeit diesseits und jenseits des Atlantik hat, neben vielen anderen Ursachen, auch im unterschiedlichen Bildungshorizont der jeweiligen Mittelschichten ihre Entsprechung. Anm. 5)

Gesellschaftlicher

Hintergrund des

Sponsorings


Staatliche Förderung

als Bekenntnis


Hierzulande ist die staatliche Förderung von Bildung und Kultur als Grundfaktor europäischer Tradition nach wie vor anerkannt und beruht auf dem Bekenntnis, grundsätzlich allen Bevölkerungsgruppen, ungeachtet ihres sozialen oder finanziellen Hintergrundes, den Zugang zu jenen Domänen geistiger Auseinandersetzung zu sichern, die in Zeiten feudaler Gesellschaftsordnungen aristokratischen Schichten vorbehalten waren. In der Bereitstellung einer kulturellen Infrastruktur abseits aller Fragen nach »Rentabilität« liegen freilich auch Gefahren: Wenn etwa Strebsamkeit und Ehrgeiz für bestimmte Berufsgruppen (so etwa für MusikerInnen, aber ebenso für LehrerInnen) in besonderer Weise eine Grundlage ihrer Berufsausübung darstellen, so werden diese durch ein gewisses (!) Maß an Konkurrenz eher gefördert als durch die »Ver-Beamtung« ihrer beruflichen Positionen. Und wenn Künstler zur Entfaltung ihrer Fantasie Freiräume — und im besonderen auch finanzielle Mittel der öffentlichen Hand — zu Recht beanspruchen, so steht dieser Forderung die grundsätzliche Möglichkeit des Missbrauchs lukrierter Mittel gegenüber, bis hin zu einem Privilegientum, das untere dem Deckmantel »künstlerischer Freiheit« öffentliche Gelder mehr zu Nutzen bestimmter (nicht selten skandalträchtiger) Karrieren als zum öffentlichen Wohl einsetzt. Leider zehren nicht wenige Künstler immer noch vom Missbrauch der Kunst durch die jüngsten Diktaturen (insbes. während der NS-Zeit), indem sie jene, die ihre Leistungen nicht goutieren, explizit oder implizit einer autoritären Kunstgesinnung bezichtigen und sich auf diese Weise der Kritik zu entziehen versuchen.

Resultierend aus einer kritischen Beurteilung vergangener Kultur- und Bildungspolitik, aber auch bedingt durch wirtschaftliche Rahmenbedingungen und die Notwendigkeit von Einsparungen, wird die bisherige Praxis der Kulturförderung in jüngerer Vergangenheit zunehmend mit dem Verweis auf alternative Modelle (bes. im angelsächsischen Raum) angezweifelt.

An eine pauschale »Übernahme« der dort etablierten Modelle ist schon aufgrund der unterschiedlichen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen (Gewerkschaften!) nicht zu denken. Allerdings scheint ein Evaluierung der vorhandenen Betriebe und die Suche nach möglichen Einsparungen ein Gebot der Stunde. In Zusammenhang mit dem Begriff »Synergien« (oft genug euphemistisch gebraucht!) stehen nicht wenige Arbeitsplätze zur Diskussion.


An der Frage nach der Effizienz von Bildungseinrichtungen und kulturellen Institutionen wie Theatern, Orchestern, Galerien etc. kommen PolitikerInnen gegenwärtig nicht vorbei, auch wenn eine objektive Einschätzung so gut wie unmöglich erscheint, zumal es verbindliche Maßstäbe und Werte im Bereich von Kunst und Bildung nicht geben kann. Dennoch sind sie zum Handeln gefordert. Worauf aber können ihre Entscheidungen gründen?

Evaluierung –

ein Gebot der

Stunde


Aus den vorangegangenen Überlegungen ergeben sich hierzu folgende Aussagen:


•  Kunst ist, wenn überhaupt, allenfalls in Teilbereichen und nur sehr unzureichend messbar. Zudem sinkt mit steigender Individualität der Aussage auch deren Vergleichbarkeit.


•  Aufgrund des immanent defizitären Charakters von Bildung & Kultur resultiert der Versuch einer ökonomischen Bewertung dieser Bereiche automatisch in deren Charakterisierung als »Verlustgeschäft«. Es sei denn, die Berechnungen wären extrem komplex und bezögen sämtliche Auswirkungen der geprüften Instanzen ein, was de facto nicht möglich ist und auch nie geschieht.


•  Daher sind Kultur und Bildung dort gefährdet, wo sie nicht auf der persönlichen Überzeugung der verantwortlichen Personen/Gruppen beruhen (»Bildungsauftrag«).


•  Aus der Einsicht, dass die Effizienz von Bildungs- und kulturellen Einrichtungen nicht mit Messdaten adäquat erfasst werden kann, ergibt sich, die entsprechenden Institutionen nicht primär aus ökonomischer Perspektive und unter dem Gesichtspunkt der Rentabilität zu beurteilen und den wirtschaftlichen Daten stets die inhaltliche Wertschöpfung gegenüberzustellen. Ermittlungen des Rechnungshofs u.ä. Maßnahmen können nur einen kleinen Teil des outputs — jedenfalls nicht den wesentlichen — erfassen.


•  Kulturförderung (im Sinne einer zentraleuropäischen Tradition) sollte immer subjektiv bestimmt bleiben (dürfen). Leugnet man dies, kommt es zum (übereinstimmend geringgeschätzten) sog. »Gießkannenprinzip«.


•  Dies setzt verantwortliche Führungskräfte mit entsprechend weitem kulturellen Horizont voraus, welche das Bekenntnis zur Subjektivität nicht mit einer Verabsolutierung des eigenen (notwendigerweise beschränkten) Standpunktes verwechseln, sondern ermessen können, was gesamtgesellschaftlich effizient und damit förderungswürdig ist und was nicht. Die Einbeziehung von BeraterInnen ebenso wie Teamarbeit insgesamt kann ein wirksames Gegengewicht zu einer potenziellen Gefahr der »Parteilichkeit« bilden.


•  Anders als in der Wirtschaft, wo eine unmittelbare Nutzenorientierung ein zentrales Kriterium darstellt, kann in kulturellen Kategorien allenfalls eine mittelbare Nutzenorientierung dagegengesetzt werden. Anm. 6) Denn hier treten die positiven Auswirkungen mindestens ebenso oft indirekt als direkt zutage. Anm. 7) Zudem ist die Existenz eines breiten Umfeldes eine der unverzichtbaren Grundvoraussetzungen zur Hervorbringung von künstlerischen Spitzenleistungen. Daher ist im Bereich von Bildung und Kultur dem Verlust der »Mitte«, wie er in nächster Zukunft gesamtwirtschaftlich zu erwarten ist, entgegenzuwirken.

Conclusio


Anmerkungen:


1) Vgl. hierzu: Erich Alban Berg, Der unverbesserliche Romantiker. Alban Berg 1885-1935. Wien 1985, S. 99.


2) Arnold Schönberg, Briefe. Hg. von Erwin Stein. Mainz 1958, S. 52. Schönbergs Worte sind adäquat nur vor dem Hintergrund seiner persönlichen Schwierigkeiten als Folge seiner künstlerischen Integrität einzuschätzen.


3) Indirekt zwar, aber überdeutlich manifestiert sich eine späte Spur dieser Kunstauffassung im Titel von P. Handkes seinerzeitigem »Aufreger« Publikumsbeschimpfung (1966).


4) Die im Vergleich zu Europa kümmerliche Dichte der amerikanischen Orchester- und Theaterlandschaft darf hier als eindeutiges Indiz gelten.


5) Vgl. hierzu die Aussagen der amerikanischen Zeitschrift Investors Business Daily, 10.12.2001.


6) Schwindende Perspektiven für »durchschnittliche« Produkte haben sich zwar bereits auch dort ergeben, wo marktwirtschaftliche Grundsätze regieren, etwa im Bereich von CD-Produktionen.


7) »Wer musiziert, nimmt keine Knarre in die Hand« (H.W: Henze)